Der kranke Mann am Bosporus

Türkei_modSo lautete vor langer Zeit einmal eine der gängigen Bezeichnungen für das vor sich hin darbende Staatsgebilde, das wir in moderner Fassung als den heutigen Staat Türkei kennen. Und die Krankheit ist scheinbar noch nicht ausgeheilt: in den späten Neunzigern Attentate in türkischen Urlaubsgebieten am laufenden Band, dann in den letzten Jahren grausame Übergriffe auf Christen und andere Minderheiten (davon der jüngste und grausamste erst letzte Woche) und nun eine waschechte Staatskrise mit Anzeichen von Re-Islamisierung und gleichzeitiger Kampf dagegen, inklusive Drohung mit Militärputsch. Um letzteren Konflikt zu verstehen, muss man wissen, dass in kaum einem anderen Staat die Trennung von weltlichem (staatlichem) und religiösem Machtanspruch so rigoros durchexerziert wurde wie in der durch Staatsgründer Atatürk modernisierten Türkei. Von den religiösen Machthabern und Gefolgsleuten ist er dafür auf ewig verhasst, von anderen wird er fast mythisch vergöttert. Dieses Schisma zieht sich folglich schon seit Jahrzehnten durch alle Bereiche der Gesellschaft, und wird durch die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen (Stichwort: Ostanatolien), zwischen städtischen und ländlichen oder gar fast unzugänglichen Gebieten nur noch vergrössert. So kommt es, dass sich diese Konflikte wohl zwangsläufig von Zeit zu Zeit entladen, zumal das Militär in der türkischen Gesellschaft immer noch eine herausgehobene Stellung einnimmt und autoritäre Züge des Staatswesens immer noch nicht vollständig beseitigt sind. Wenn die Türkei es in Zukunft nicht schaffen sollte, dieses innenpolitische Fieber nachhaltig zu senken, sieht es um eine eventuelle zukünftige EU-Mitgliedschaft schlechter bestellt aus denn je.

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