Shoot `Em Down: Eine bizarre Debatte

AKWNun, die kleine Anspielung auf den aktuellen Actionfilm aus dem Hause der Warners „Shoot `Em Up“ (btw: superber Streifen über Wut und Moral) konnten wir uns nicht verkneifen, aber im Grunde geht es hier um ein todernstes Thema: Ein voll besetztes Passagierflugzeug wird in der Luft von Terroristen gekapert und die Piloten werden gezwungen, den Kurs zu ändern. Sie sind nun, angenommen, Bundesverteidigungsminister und versuchen zunächst, die Lage zu sondieren und Kontakt mit dem entführten Flugzeug aufzunehmen. Vergebens. Dann teilt ihnen einer ihrer Stabs-Mitarbeiter mit, dass das Flugzeug sich klar im Sink-und Zielanflug auf ein großes deutsches Atomkraftwerk befinde, offensichtlich um einen Anschlag von verheerender Wirkung auszuführen. Bei gegenwärtigem Kurs und Geschwindigkeit, so teilt Ihnen die Alarmrotte der Bundeswehr mit, habe man noch exakt 2 Minuten, bis das Flugzeug sein Ziel erreicht. Verfluchte Situation: Sie müssen entscheiden, und Sie müssen schnell entscheiden – Abschuss oder nicht ?

Dies ist exakt das Szenario, welches uns Verteidigungsminister Jung letzte Woche vor Augen geführt hat, und mit dem er eine bizarre Debatte – einmal mehr – losgetreten hat. Die einzig menschlich, ethisch und gefühlsmäßig richtige Handlungsweise kann doch eigentlich nur lauten: Abschuss. Denn die Zivilisten im Flugzeug sind dem Tod geweiht, in dem einen Fall eben nur die Passagiere und in dem anderen Fall die Passagiere und evt. Tausende Menschen mehr. Selbst wenn die Passagiere – wie bei Flug 93 am 11. September – gegen die Terroristen vorgehen, ist ein Absturz höchstwahrscheinlich vorprogrammiert. Es ist eigentlich nicht mehr nur die Frage: geht der Wert einzelnen Lebens vor, vor dem Wert des Lebens der Gemeinschaft? Es ist vielmehr eine Abwandlung eines klassischen spieltheoretischen Dilemmas, bei dem sie zwar aktiv über den Ausgang entscheiden, aber der Ausgang keine positive Option offenlässt. Warum ist es so schwer, so eine fundamentale Frage für das Überleben einer demokratisch verfassten Gesellschaft ein für allemal rechtlich zu klären, anstatt sich in Umgehungs-Konstrukten wie Befehlsverweigerung, unklarer Rechtslage usw. zu ergehen? Und der Fall, den wir konstruiert haben, war ja noch die einfache Variante. Die Realität ist ja wesentlich komplexer, z.B. haben Sie vielleicht keinen genauen Überblick über die Situation, oder die Absichten des Flugzeugs sind unklar, die Entführer lenken mit Forderungen ab, verschiedene Ziele liegen in Reichweite oder, oder, oder…

Nur die Ausrede: „Weil die Realität kompliziert ist, machen wir kein Gesetz oder keinen Lösungsvorschlag„, zieht nicht! Es ist nicht verantwortbar, eine Entscheidung von dieser Tragweite der alleinigen Verantwortung und der Tagesform des dann gerade aktuellen Ministers zu überlassen. Es ist schlicht Feigheit, eine solche Entscheidung, die gewiss immer mit schwerem Herzen getroffen wird, nicht gesetzgeberisch abzusichern. Gesetzentwürfe für den Abschuss von Flugzeugen, vollgepackt mit Nur-Terroristen, wie gerade vorgeschlagen, sind realitätsfern und bestimmt nicht hilfreich dabei (im Gegenteil, sie müssten doch selbstverständlich sein, oder?). Also bitte, liebe Herren Politiker, macht Eure Hausaufgaben!

4 Responses to “Shoot `Em Down: Eine bizarre Debatte”


  1. 1 dominikquack September 23, 2007 um 9:30 am

    Ein Abschuss wäre Mord! Man kann nicht wissen, was passiert wäre hätte man es nicht abgeschossen!

  2. 2 nseaprotector September 23, 2007 um 9:00 pm

    hm…da bin ich (als Autor des Artikels naturgemäß) anderer Ansicht. Es wäre eben genau kein Mord bzw. wenn man es als Mord bezeichnet, dann wäre das Gewährenlassen ebenfalls Mord. Oder besser gesagt: Beihilfe zum Mord. Man trägt eben nicht nur Verantwortung für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut. Da hilft alles theoretisch-philosophische Herumwinden auch nicht heraus: in dem konstruierten Fall wären die Passagiere dem Tod geweiht, also ist es menschlich, so viel Leben zu retten, wie möglich. Natürlich könnte auch ein „Wunder“ passieren und z.B. das Flugzeug mit einem Vogelschwarm kollidieren und zur Kursänderung gezwungen sein. Nur darauf zu warten, kann für einen vernunftbegabten Praktiker, der Verantwortung trägt, keine Entscheidungsgrundlage sein. Oder würden Sie auch einen Suizidgefährdeten nicht davon abhalten, auf die Gleise zu springen, wenn sie es rechtzeitig tun könnten ? Etwa mit dem Argument, man könne ja nicht wissen, ob der Fünf-Uhr-Zug vielleicht gerade heute wg. Oberleitungsschaden ausfällt ?

  3. 3 dominikquack September 24, 2007 um 8:38 pm

    Ich kann nicht sagen: die Menschen im Gebäude sind mehr wert als die im Flugzeug! Ich kann nicht einfach sagen, dass 1000 Menschen mehr wert sind als 100. Das wäre gegen das Grundgesetz:

    „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen
    ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

    Den Notstand auf den sich Herr Jung berufen will gibt es nicht. Der Ausnahmezustand soll zur Regel werden. Die CDU will die Bundeswehr im Innern einsetzen. Es ist nichts anderes als Angstmache! Herr Jung ist der Meinung: „Um Recht zu schaffen, muss man nicht Recht haben“

  4. 4 nseaprotector September 29, 2007 um 1:37 pm

    na ja, ironischerweise könnte man ja auch Ihre Ansicht ebensogut als „Panikmache“ dann bezeichnen. Nur um nicht falsch verstanden zu werden: ich plädiere nicht für eine rigorose Law-and-order-Politik, und auch ich möchte das Grundgesetz gewahrt sehen. Es geht hier aber um was anderes: das Problem ist, das wird uns mit der „Kultur“ der Selbstmordattentäter und -entführer einer unerhöhrten, neuen Bedrohung ausgesetzt sehen, die „unsere“ Kultur der Rechtstaatlichkeit, des Diskurses usw. im Kern angreift. Da greift das formaljurstische Argumentieren zu kurz, mal abgesehen davon, dass der Staat auch die Würde der Menschen zu schützen hat, die in der Nähe des AKW wohnen! Wenn sie sich in Philippsburg z.b. ein kleines Einfamilienhäuschen gebaut hätten, und ihre Familie dort lebt, dann würde mich interessieren, ob Sie im Fall eines Angriffs noch genauso argumentieren. Ausserdem verwechseln Sie da was: es geht nicht darum, die 1000 gegen die 100 Menschen auszuspielen, denn dazu müssten ja im anderen Fall die 100 überleben, um mehr oder weniger wert zu sein! Die Konsequenz aus ihrer Argumentation ist übrigens weiterhin, dass bei Ihnen der 11. September also auf jeden Fall stattgefunden hätte, egal ob die Fighterjets rechtzeitig an Ort und Stelle gewesen wären. Das sind genau die Leute, die dann aber immer auf Verschwörungstheorien verweisen, warum und wieso nicht abgeschossen wurde. Eine seltsame Einstellung, die ausserdem und viel schwerwiegender dazu führen kann, dass Terroristen sich dieser Schwäche bedienen und ihre nächsten Anschläge genau so planen werden.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




Zitat der Woche

All the great things are simple, and many can be expressed in a single word: freedom, justice, honor, duty, mercy, hope. (Winston Churchill)

Blog-Visitors since Feb. 07

  • 41,220 hits

Kalender

September 2007
M D M D F S S
« Aug   Okt »
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930

Top Clicks

  • Keine

Clustr


%d Bloggern gefällt das: